Jahresberichte

Evangelische Lebensberatung - stark gefragt und unverzichtbar.

In der starken Inanspruchnahme Evangelischer
Lebensberatung mit ihren Angeboten der
Einzel-, Paar-, Familien- und Erziehungsberatung
spiegelt sich, dass der gesellschaftliche Beratungsbedarf
stetig wächst.
Eine der Ursachen für diesen ansteigenden Beratungsbedarf
ist z.B. die zunehmende Überforderung
vieler Menschen, in individueller Regie und
ohne Unterstützung von außen konflikthafte Lebenssituationen
zu bewältigen oder zu gestalten.
Ich denke da u.a. an die einseitige Leistungs- und
Erfolgsorientierung in vielen Berufsfeldern, an
die Unübersichtlichkeit der oft mit schnellen
Wechseln verbundenen Arbeits- und Lebensverhältnisse
oder auch an die fehlende ethische Orientierung.
Indem Psychologische Beratung in
kirchlicher Trägerschaft Menschen in ihren Veränderungsprozessen
begleitet und unterstützt,
beteiligt sie sich zugleich auch an der Übernahme
gesamt-gesellschaftlicher Verantwortung.
Evangelische Lebensberatung in ihrer Gestalt als
Einzel-, Paar-, Familien- und Erziehungsberatung
ist Hilfe zur Selbsthilfe, ist Begleitung auf
Zeit, ist eine Art „Geländer“ in Krisenzeiten.
Und dieser Wunsch nach solch einem Geländer
auf Zeit betrifft keineswegs nur einzelne oder
bestimmte soziale Randgruppen. Dieser Bedarf
erwächst geradezu aus der Mitte der Gesellschaft,
wie allein daran deutlich werden mag,
dass heute mehr als jede 3. Ehe geschieden wird
(die Trennungen nicht ehelicher Beziehungen
sind dabei noch gar nicht mitgerechnet); der
wachsende gesellschaftliche Bedarf wird auch
daran deutlich, dass etwa von der Hälfte aller
Scheidungen Kinder unter 18 Jahren betroffen
sind, und dass inzwischen eine zahlenmäßig
recht hohe Scheidungsrate Paare betrifft, die so
um die 20 Jahre verheiratet oder zusammen sind.
Auffällig ist zudem, dass Getrennte oder wiederholt
Getrennte sich von ihren neuen Beziehungen
unverändert Nachhaltigkeit erhoffen, Verlässlichkeit
und gute Dauer, was die Fachleute dazu
veranlasst hat, diese Art verlässlicher Lebensabschnittspartnerschaft
als „serielle Monogamie“
zu bezeichnen. Hochzeitsmessen, mit ihren
überbordenden Angeboten boomen und lassen
uns ahnen, wie sehr solche Idealisierung auch
der Abwehr jener schmerzlichen Erfahrungen
dienen muss, die sich in den genannten Statistikzahlen
spiegeln und mit der viele Menschen eben
auch in unsere Beratungsstellen kommen.
Aber nicht nur Themen wie Trennung und
Scheidung und der davon betroffenen Kinder
erwachsen aus der Mitte der Gesellschaft. Auch
Krankheit und Überlastung, Missbrauch und
häusliche Gewalt, Depression, Suizidalität oder
Trauer betreffen eine Vielzahl von Menschen,
generationenübergreifend, auch quer durch alle
Bildungsschichten und Altersgruppen, und innerhalb
der Kirche genauso wie außerhalb. Dieser
Aspekt sollte nicht übersehen werden: dass
nämlich der Krisen- und Lebensberatung auch
eine nicht zu unterschätzende binnenkirchliche
Bedeutung zukommt.
Als unstrittig darf sicher gelten, dass Staat und
Kirche sich in vergleichbarer Weise dem besonderen
Schutz von Ehe, Partnerschaft und Familie
verpflichtet wissen. Strittig könnte dagegen
schon eher die Frage werden, was denn in diesem
Sinne eigentlich für Paare getan wird? Neben
der Jugendhilfe und den Hilfen zur Erziehung
sind in unserer Gesellschaft leider keine
Hilfen oder Beratungsangebote vorgesehen für
Paare und Eltern, deren Kinder über 18 Jahre alt
sind, oder für Paare in Trennungsproblemen,
wenn keine Kinder da sind. Auch für älter werdende
oder älter gewordene Paare oder für Partnerschaften
im Übergang zum Ruhestand gibt es
keine Beratungsangebote. Es gibt keine kassenabrechnungsfähigen
Paar-Therapien. Und des2
halb müsste, wer sich so etwas nicht leisten
kann, eben ohne Hilfe bleiben, wenn es nicht
auch die Ehe-, Familien- und Lebensberatung
unserer Kirche gäbe, die ihre Arbeit zum Glück
auch (noch) nach dem guten evangelischen
Grundsatz tun kann, dass nötige Hilfe nicht am
fehlenden Geld scheitern darf!
Ehe-, Familien- und Lebensberatung sind kein
Luxus, sind nicht nur nützliches Rankwerk im
Garten der Gesellschaft oder entbehrlicher Zierrat,
jedoch nett, falls vorhanden. Krisen-, Familien-
und Lebensberatung erweisen sich in zunehmendem
Maße als absolut unverzichtbare
Elemente in Kirche und Gemeinwesen, gerade
auch angesichts der abnehmenden bzw. in Krisenzeiten
kaum noch zur Verfügung stehenden
Selbststeuerungsfähigkeiten vieler Menschen.

Lebensberatung zwischen Seelsorge und Diakonie - die Zuordnungsfrage

Seit 2012 gibt es in der Landeskirche konkrete
Überlegungen zur Zuordnung der Hauptstelle –
und damit der Lebensberatungsarbeit der Landeskirche
– entweder zum Diakonischen Werk
(DWiN) oder zum neu entstandenen „Zentrum
für Seelsorge“ (ZfS).
Diese Zuordnungsfrage hat uns in der Hauptstelle
für Lebensberatung und in der Arbeitsgemeinschaft
Lebensberatung (AGL) in den vergangenen
zwei Jahren naturgemäß stark beschäftigt.
Die inhaltlichen Gründe für oder gegen eine Zuordnung
in die eine oder andere Richtung wurden
in dieser Zeit unter den am Prozess Beteiligten
ausgiebig diskutiert (vgl. auch HSt-Jahresbericht
2013).
Nach einigem Hin und Her ist nun (Sommer
2015) in den zuständigen Gremien des Landeskirchenamtes
eine Entscheidung zur Zuordnung
der Hauptstelle gefallen: Mit Wirkung zum
01.09.2015 ist die Hauptstelle für Lebensberatung
– und damit die Lebensberatungsarbeit der
Landeskirche – dem „Zentrum für Seelsorge“
(bzw. der Abt. 3 des Landeskirchenamtes) zugeordnet.
Über die zukünftige Zusammenarbeit mit
den anderen Beratungsbereichen des Diakonischen
Werkes (bzw. mit Abt. 5 des Landeskirchenamtes)
wird es eine gesonderte Kooperationsvereinbarung
zwischen beiden Seiten geben.
Angesichts der erfolgten Entscheidung ist es aus
meiner Sicht für die inhaltliche und konzeptionelle
Weiterentwicklung der Lebensberatungsarbeit
der Landeskirche unabdingbar – wie schon
im Jahresbericht 2013 ausgeführt –, dass die Lebensberatungsarbeit
„…sowohl eng mit den
Seelsorgebereichen der Landeskirche als auch
mit den diakonischen Beratungsformaten in den
Kirchenkreisen auch weiterhin kooperiert und
konstruktiv zusammenarbeitet. In beide Richtungen
wird in den nächsten Jahren eine neue Verhältnisbestimmung
sinnvoll sein. Die Lebensberatungsarbeit
wird als unterstützendes und ergänzendes
Angebot kirchlicher Seelsorge wie
auch als eigenständiges niedrigschwelliges Angebot
psychologischer Beratung das Verhältnis
zu diesen ihr nahestehenden Seelsorgebereichen
im Zusammenwirken im Zentrum für Seelsorge
neu bestimmen müssen. Genauso wird sie in
enger Abstimmung mit dem Diakonischen Werk
das Verhältnis zu den sozial-diakonischen Diensten
weiterentwickeln müssen. Dies ist eine unabhängig
von der … Zuordnungsfrage bestehende
Herausforderung für die kommende Zeit"

Qualitätssicherung von Beratung durch Fort- und Weiterbildung.

Die hohe Fachlichkeit der Mitarbeitenden – und
damit ihre berufliche Professionalität – beruhen
nicht allein auf guter Ausbildung oder ergänzender
Weiterbildung. Sie verdanken sich - wie ich
es sehe - ebenso der fachlichen Impulse, die aus
regelmäßiger berufsbegleitender Fortbildung erwachsen.
Von daher ist es aus meiner Sicht wichtig, dass
wir als Hauptstelle auch in Zukunft ein derart
qualifiziertes Fortbildungsangebot vorhalten
können, wie es derzeit von Hans-Günter
Schoppa angeboten und verantwortet wird: ein
fachlich qualifiziertes Fortbildungsangebot, dass
sich sowohl an den aktuellen Fragestellungen
und Bedarfslagen der Beratungsarbeit orientiert,
als auch die zeitlichen Möglichkeiten der Berater/
innen bzw. der Beratungsstellen berücksichtigt.
Das angemessene Setting dafür sind - wie
die Erfahrung offenbar zeigt - die Eintagesveranstaltungen,
die gern und zahlreich besucht werden.
Durch die Verortung der Psychologischen Beratung
im kirchlichen Arbeitsfeld zwischen Diakonie
und Seelsorge hat unser Fortbildungsangebot
eine inhaltliche Weitung erfahren und steht nun
auch stärker als bisher Interessierten aus diesen
kirchlichen Arbeitsbereichen offen. Im Jahr 2014
hat sich die verstärkte Zusammenarbeit mit dem
neuen Zentrum für Seelsorge z.B. in einem Fortbildungstag
zu „Beratung und Seelsorge“ dokumentiert,
der von Mitarbeitenden aus beiden Bereichen
besucht wurde.
 

Rainer Bugdahn
Leiter der Hauptstelle für Lebensberatung
 

 

Kontakt:

Pastor Rainer Bugdahn

Tel.: 0511 1241 673

Knochenhauerstr. 33
30159 Hannover

www.hauptstelle-lebensberatung.de